Wissenshäppchen: Erkenntnisse aus dem EMA-Seminar „Interprofessionelles Ernährungsmanagement: Blinder Fleck – Langzeitpflege und Ernährungsvisite – praxisnah, interdisziplinär, wirksam“
Die Sicherstellung einer adäquaten Ernährung gehört zu den zentralen Herausforderungen in der stationären Langzeitpflege. Trotz hoher Prävalenzen von Mangelernährung bleibt das Ernährungsmanagement im Versorgungsalltag häufig fragmentiert. Im EMA-Vortrag von Dr. Fabian Graeb und Regina Thorsteinsson wurde deutlich, dass strukturelle Defizite und fehlende interprofessionelle Abstimmung maßgeblich dazu beitragen, dass relevante Probleme zu spät erkannt oder nicht konsequent adressiert werden.
Mangelernährung als häufige, aber unterschätzte Problematik
Aktuelle Daten zeigen: In Pflegeheimen sind 9–38 % der Bewohner:innen mangelernährt, weitere 42–71 % weisen ein erhöhtes Risiko auf. Besonders problematisch ist der schleichende Gewichtsverlust bei hochaltrigen, multimorbiden Menschen, der oft als „normal“ interpretiert wird. Längsschnittdaten aus sechs Einrichtungen der Langzeitpflege belegen jedoch, dass bereits ein Gewichtsverlust ≥ 5 % innerhalb von sechs Monaten mit einer signifikant erhöhten Mortalität assoziiert ist. Regelmäßiges Wiegen allein reicht somit nicht aus – entscheidend ist die strukturierte Interpretation und Konsequenz daraus.
Ernährungsmanagement im Pflegealltag: viele Maßnahmen, wenig Systematik
Die qualitative Analyse des Pflegealltags offenbarte ein bekanntes Muster: Gewichtskontrollen erfolgen regelmäßig, Screenings und Zieldefinitionen jedoch unzureichend. Individuelle Interventionen – etwa hochkalorische Zusatzangebote oder Anpassungen der Kostform – bleiben oft unsystematisch und abhängig vom Engagement einzelner Mitarbeitender. Präventive Maßnahmen wie flexible Essenszeiten, Förderung der Essgemeinschaft oder der Einsatz einfacher Hilfsmittel werden bislang deutlich unterschätzt, obwohl sie die Nahrungsaufnahme nachweislich unterstützen.
Interprofessionelle Ernährungsvisite als strukturierender Ansatz
Als praxisnaher Lösungsansatz wurde die regelmäßige interprofessionelle Ernährungsvisite exemplarisch im akutklinischen Setting vorgestellt. Sie bündelt pflegerische Beobachtungen, medizinische Einschätzungen und ernährungsfachliche Expertise in einem strukturierten Austausch. Ziel ist nicht eine zusätzliche Belastung, sondern eine gezielte Fokussierung auf gefährdete Patient:innen, klare Verantwortlichkeiten sowie überprüfbare Ziele. Internationale und nationale Erfahrungen zeigen, dass solche Visiten sowohl die Sensibilität für Ernährungsthemen als auch die Qualität der Versorgung nachhaltig verbessern können.
Limitationen und Einordnung
Die vorgestellten Daten stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien und Routineanalysen. Kausale Aussagen sind daher nur eingeschränkt möglich.
Implikationen für die Praxis
Für die Langzeitpflege bedeutet dies: Ernährungsmanagement braucht Struktur, klare Zuständigkeiten und interprofessionelle Vernetzung. Regelmäßige Ernährungsvisiten, wie zum Beispiel in der Klinik, qualifizierte Fortbildungen und ein bewusster Blick auf präventive Maßnahmen können helfen, den „blinden Fleck“ zu schließen – mit potenziell großer Wirkung auf Lebensqualität und Prognose pflegebedürftiger Menschen.
Zu den Referierenden:
Dr. phil. Fabian Graeb ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und aktuell als Pflegewissenschaftler (M. A.) am Institut für Pflege- und Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Esslingen tätig. Er beschäftigt sich in mehreren Forschungsprojekten mit der Förderung des Mobilitäts- und Ernährungsstatus bei Pflegebedürftigen in Krankenhaus, stationärer Langzeitpflege und Tagespflege.
MScN Regina Thorsteinsson leitet als Advanced Practice Nurse am Klinikum Reutlingen das zentrale (interprofessionelle) Team Ernährung und Diabetes. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester und Tätigkeit in verschiedenen Akutkliniken studierte sie in Island Pflegewissenschaft. Das Thema Mangelernährung wurde Schwerpunktthema des Masterstudiums, es folgte diverse Weiterbildungen im Ernährungsmanagement. Seit mehr als 20 Jahren ist die Rolle der Pflege im Ernährungsmanagement im interprofessionellen Ernährungsteam ein zentrales Anliegen.
Beide Referierende sind im Netzwerk Pflege und Ernährungsmanagement und im Ausschuss Pflege der DGEM aktiv.
Wer tiefer in aktuelle Themen der Ernährungsmedizin einsteigen möchte, findet in der Online-Seminarreihe „Ernährungsmedizin aktuell – Neues aus Forschung und Praxis“ weitere praxiserprobte und wissenschaftlich fundierte Impulse. Die Reihe wird seit 2025 in Kooperation mit der DGEM e.V. durchgeführt und vermittelt aktuelle Erkenntnisse der Ernährungsmedizin kompakt und anwendungsorientiert für Mediziner:innen, Studierende, Ernährungsfachkräfte sowie weitere Gesundheitsberufe.
