Kontaktieren Sie uns

Bürozeiten

Montag bis Donnerstag
08:00 – 14:00
Freitag
08:00 – 12:00

Schreiben Sie uns eine Nachricht

[contact-form-7 id="263" title="Kontaktformular kurz Side Area"]

Blog

Der besondere Fall – Mangelernährung bei Pankreaskarzinom

Patientendaten:
  • Geschlecht: weiblich
  • Alter: 72 Jahre
  • Beruf: Rentnerin
  • Aktivität: 1×/Woche Physiotherapie
  • Nikotin: aktiv, 75 Pack-Years
  • Alkohol: nein
  • Anthropometrie bei Erstvorstellung: 163 cm, 49 kg, BMI 18,4 kg/m², Gewichtsverlust ca. 15 kg in 3 Monaten (>10 %)
Anamnese/ Fallbeschreibung:

Die Patientin wurde aus einem externen Klinikum in unser Tumorzentrum überwiesen. Dort war sie initial notfallmäßig aufgenommen worden. Anamnestisch bestanden seit etwa drei Monaten Schwindel, Appetitmangel, Diarrhöen und ein ungewollter Gewichtsverlust (≈ 15 kg). Der Rettungsdienst wurde alarmiert, nachdem die Patientin aufgrund zunehmender Schwäche zu Hause gestürzt war und nicht mehr selbstständig aufstehen konnte.

In der externen Diagnostik (ÖGD/EUS) zeigte sich eine Raumforderung im Pankreaskopf mit vorgeschalteter Dilatation des pankreatikobiliären Gangsystems und präpapillärem Gangabbruch. Die im Rahmen der EUS entnommene Biopsie ergab histopathologisch lediglich unauffällige intestinale Zylinderepithelien ohne Hinweis auf Malignität. Zur weiteren Abklärung und operativen Versorgung erfolgte die Zuweisung an unser Zentrum.

Relevante Komorbiditäten waren eine Refluxkrankheit, ein insulinpflichtiger Diabetes mellitus Typ 2 sowie eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK).

Befunde und Diagnosen:

Der Fall wurde interdisziplinär im Tumorboard diskutiert. Bei weiterhin auf Basis der Bildgebung bestehendem Malignitätsverdacht wurde eine operative Exploration mit ggf. pyloruserhaltender Pankreaskopfresektion empfohlen. Die Operation wurde komplikationslos durchgeführt und der Tumor konnte vollständig reseziert werden. Intraoperativ wurde präemptiv ein Jejunalkatheter zur enteralen Ernährung angelegt.

Postoperativ kam es zu einem schweren komplikativen Verlauf. Die Patientin entwickelte am 2. postoperativen Tag eine progrediente Ruhedyspnoe und Tachykardie mit respiratorischer Erschöpfung. Ein CT schloss eine Lungenarterienembolie aus. Laborchemisch zeigte sich jedoch ein Nicht-ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI). In der Koronarangiographie fand sich eine hochgradige Stenose der rechten Koronararterie, sodass eine Stentimplantation erfolgte.

Im weiteren Verlauf entwickelte die Patientin bei bekannter pAVK eine Beinischämie rechts. Trotz mehrfacher interventioneller und gefäßchirurgischer Maßnahmen musste letztlich eine Oberschenkelamputation rechts durchgeführt werden. Zusätzlich trat eine akute Armischämie rechts auf, die interventionell erfolgreich behandelt werden konnte.

Die Behandlungen erfolgten im Rahmen eines langen intensivmedizinischen Aufenthalts, gefolgt von einem mehrwöchigen Aufenthalt auf Normalstation. Während des Intensivaufenthalts kam es zu einem weiteren Gewichtsverlust von etwa 5 kg. Auf Normalstation wurde der Kostaufbau unter medikamentöser Unterstützung fortgeführt. Neben der selbstständigen oralen Nahrungsaufnahme wurde die Patientin enteral über den Jejunalkatheter unterstützt und ernährungstherapeutisch begleitet. Darunter konnte das Gewicht stabilisiert werden.

Ernährungstherapeutische Intervention:

Zum Zeitpunkt der Verlegung auf die Normalstation wog die Patientin 44 kg (bei Aufnahme 49 kg) bei einer Körpergröße von 1,63 m (BMI 17,7 kg/m²). Im Screening zeigte sich ein NRS von 5 und damit ein Hochrisiko für eine Energie- und Proteinmangelernährung. Anhand der GLIM-Kriterien wurde eine schwere Mangelernährung diagnostiziert.

Es erfolgte eine ausführliche Beratung zum Kostaufbau mit anschließender Umstellung auf die angepasste Vollkost. Empfohlen wurden mehrere kleine, energie- und proteinreiche Mahlzeiten über den Tag verteilt, langsames Essen sowie sorgfältiges Kauen. Zudem wurde die Pankreasenzymtherapie hinsichtlich Einnahme und Dosierung erläutert. Für den Fall eines weiteren Gewichtsverlustes wurde die Verordnung einer hochkalorischen Trinknahrung (z. B. Fortimel Extra) empfohlen.

Ergänzend wurde eine enterale Ernährung über den intraoperativ angelegten Jejunalkatheter mit Nutrison begonnen (2 Beutel à 500 ml/Tag, entsprechend ca. 1000 kcal).

Zusammenfassung/Schlussfolgerung:

Dieser Fall illustriert, wie stark ein kachektischer bzw. schwer mangelernährter Ausgangszustand den perioperativen Verlauf beeinflussen kann.

Hier zeigt sich die zentrale Bedeutung eines frühzeitigen und standardisierten Screenings der tumorassoziierten Mangelernährung. Tumorkachexie ist häufig, prognostisch relevant und wird dennoch weiterhin unterschätzt. Schätzungen zufolge sind etwa 30 % aller onkologischen Patientinnen und Patienten betroffen; bei hepatopankreatikobiliären Tumoren liegt die Prävalenz sogar bei bis zu 80 % [1].

Ein strukturiertes Vorgehen umfasst zunächst ein Screening, beispielsweise mittels Nutritional Risk Score (NRS-2002). In einer aktuellen Metaanalyse zeigte sich, dass mehrere ernährungsmedizinische Scores – darunter der NRS-2002 – signifikant mit der Gesamtmortalität beim Pankreaskarzinom assoziiert sind [2]. Nach einem auffälligen Screening sollte ein weiterführendes Assessment anhand der GLIM-Kriterien erfolgen [3]. Diese ermöglichen eine standardisierte Diagnose der Mangelernährung durch die Kombination phänotypischer Kriterien wie ungewolltem Gewichtsverlust, niedrigem BMI oder reduzierter Muskelmasse mit ätiologischen Faktoren wie inflammatorischer Aktivität (z. B. Tumorerkrankung) oder verminderter Nahrungsaufnahme.

Für verschiedene Tumorentitäten konnte in randomisiert-kontrollierten Studien gezeigt werden, dass multimodale Konzepte aus Physiotherapie und Ernährungsinterventionen die Rate postoperativer Komplikationen senken und die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern [4-6]. Allerdings scheint die Patientenselektion entscheidend zu sein. Während sich bei onkologischen Patientinnen und Patienten perioperative Effekte zeigen, konnte ein multimodales Konzept bei älteren, gebrechlichen Patientinnen und Patienten vor elektiven nicht-kardiochirurgischen Eingriffen die Komplikationsrate nicht reduzieren [7].

Zusammenfassend zeigt dieser Fall, dass eine strukturierte ernährungsmedizinische Betreuung sowohl prä- als auch postoperativ relevant ist. Bei Risikopatientinnen oder -patienten sollte intraoperativ an die Anlage eines enteralen Ernährungszugangs (z. B. Jejunalkatheter) gedacht werden. Es bleibt aber eine Herausforderung, gefährdete Patientinnen und Patienten frühzeitig ernährungstherapeutisch zu evaluieren. Ebenso ist die Balance zwischen onkologischer Dringlichkeit und präoperativer Optimierung oft schwierig. Geeignet für eine Prähabilitation sind daher Situationen mit neoadjuvantem Therapiekonzept. Diese Phase bietet die Möglichkeit, Patientinnen und Patienten ernährungsmedizinisch und funktionell zu stabilisieren, ohne die onkologische Therapie wesentlich zu verzögern. Voraussetzung hierfür ist eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Chirurgie, Onkologie, Ernährungsteam und Physiotherapie.

 

Fall eingereicht von:

Dr. med. Christian Stöß

 

Literatur:
  1. Tan, Y., et al., Cancer cachexia: molecular basis and therapeutic advances. Signal Transduct Target Ther, 2026. 11(1): p. 16.
  2. Yu, M., et al., Prognostic potential of nutritional risk screening and assessment tools in predicting survival of patients with pancreatic neoplasms: a systematic review. Nutr J, 2024. 23(1): p. 17.
  3. Cederholm, T., et al., GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition – A consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr, 2019. 38(1): p. 1-9.
  4. Molenaar, C.J.L., et al., Effect of Multimodal Prehabilitation on Reducing Postoperative Complications and Enhancing Functional Capacity Following Colorectal Cancer Surgery: The PREHAB Randomized Clinical Trial. JAMA Surg, 2023. 158(6): p. 572-581.
  5. Berardi, G., et al., Prehabilitation With Exercise and Nutrition to Reduce Morbidity of Major Hepatectomy in Patients With Sarcopenia: The PREHEP Randomized Clinical Trial. JAMA Surg, 2025. 160(10): p. 1068-1075.
  6. Smyth, E., et al., Preoperative Exercise to Improve Fitness in Patients Undergoing Complex Surgery for Cancer of the Lung or Esophagus (PRE-HIIT): A Randomized Controlled Trial. Ann Surg, 2025. 282(5): p. 690-698.
  7. McIsaac, D.I., et al., Home-Based Prehabilitation for Older Surgical Patients With Frailty: A Randomized Clinical Trial. JAMA Surg, 2025.