Wissenshäppchen: Erkenntnisse aus dem EMA-Seminar „Personalisierte Ernährung“
Die personalisierte Ernährung gilt seit Jahren als vielversprechender Ansatz, um Ernährungsempfehlungen individueller und wirksamer zu gestalten. Im EMA-Seminar zeigte Prof. Dr. Hannelore Daniel jedoch eindrücklich, dass Anspruch und wissenschaftliche Evidenz bislang deutlich auseinanderliegen.
Ausgehend von der Entschlüsselung des Humangenoms entstand die Erwartung, genetische Informationen könnten präzise Ernährungsempfehlungen ermöglichen. Die Datenlage spricht jedoch dagegen: Für Adipositas sind inzwischen über 1.000 genetische Varianten bekannt, die zusammen jedoch nur etwa 7 % der Varianz erklären. Ähnliche Befunde zeigen sich für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen. Einzelne genetische Effekte sind klein, ein diagnostischer oder therapeutischer Zusatznutzen ergibt sich daraus bislang nicht.
Auch das Darmmikrobiom wird häufig als zentraler Schlüssel zur Personalisierung diskutiert. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt jedoch erhebliche methodische Limitationen: Analysen sind kaum standardisiert, Ergebnisse zwischen Laboren variieren und basieren meist auf relativen statt absoluten Messgrößen. Selbst in großen Kohorten lassen sich nur etwa 10–15 % der beobachteten Unterschiede erklären – der Einfluss der Ernährung ist dabei überraschend gering.
Ein weiterer Fokus liegt auf individuellen Stoffwechselreaktionen, etwa postprandialen Glukoseanstiegen. Studien zeigen tatsächlich große interindividuelle Unterschiede. Allerdings relativiert sich deren Bedeutung: Personenspezifische Faktoren wie Mikrobiom oder Anthropometrie erklären jeweils nur kleine Anteile der Varianz.
Randomisierte Studien liefern ein konsistentes Bild: Personalisierte Ernährung führt gegenüber allgemeinen Empfehlungen zwar zu Verbesserungen, jedoch unabhängig davon, ob genetische, metabolische oder andere Zusatzinformationen einbezogen werden. Auch genetisch basierte Diäten oder komplexe Algorithmen zeigen keinen relevanten Zusatznutzen gegenüber etablierten, leitlinienbasierten Beratungskonzepten.
Limitationen und Einordnung
Die bisherigen Konzepte sind häufig durch einen technologiegetriebenen Ansatz geprägt und richten sich vor allem an eine selektierte Zielgruppe („healthy & wealthy“). Sie sind kostenintensiv, wenig alltagstauglich und fokussieren überwiegend auf gesundheitliche Aspekte, ohne soziale, ökonomische oder verhaltensbezogene Faktoren ausreichend zu berücksichtigen.
Zudem bleibt ein Großteil der interindividuellen Unterschiede bislang ungeklärt.
Implikationen für die Praxis
Für die klinische und ernährungstherapeutische Praxis lassen sich mehrere Schlussfolgerungen ableiten:
- Personalisierung wirkt vor allem durch individuelle Ansprache und Verhaltensänderung, nicht durch komplexe Biomarker
- Genetische oder mikrobiombasierte Analysen bieten aktuell keinen klaren Zusatznutzen für Routineempfehlungen
- Ein praktikabler Ansatz liegt in einfachen, individualisierten Interventionen (z. B. basierend auf Ernährungsprotokollen wie FFQs)
- Zukünftige Potenziale liegen in digitalen Tools und KI-gestützten Systemen, die „in-time“ und „on-spot“ Empfehlungen im Alltag ermöglichen
- Entscheidender wird ein verhaltensorientierter, kontextsensitiver Ansatz, der Lebensumstände und Ressourcen einbezieht
Fazit
Die personalisierte Ernährung befindet sich im Wandel: Weg von einer primär biomedizinisch-technologischen Vision hin zu einem integrativen Konzept, das Verhalten, Kontext und Umsetzbarkeit stärker berücksichtigt. Die größte Herausforderung bleibt die evidenzbasierte Implementierung in die Praxis.
Über die Referentin
Prof. Dr. Hannelore Daniel ist emeritierte Professorin für Ernährungsphysiologie an der Technischen Universität München. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Molekularen Ernährungswissenschaft, insbesondere in den Bereichen Nährstofftransport, Stoffwechselregulation und Systembiologie der Ernährung. Sie zählt zu den international renommiertesten Forscherinnen auf diesem Gebiet, war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gremien und ist Autorin wegweisender Publikationen zur personalisierten Ernährung.
Wer tiefer in aktuelle Themen der Ernährungsmedizin einsteigen möchte, findet in der Online-Seminarreihe „Ernährungsmedizin aktuell – Neues aus Forschung und Praxis“ weitere wissenschaftlich fundierte und praxisrelevante Impulse. Die Seminarreihe wird in Kooperation mit der DGEM e. V. durchgeführt und richtet sich an Mediziner:innen, Studierende, Ernährungsfachkräfte sowie weitere Gesundheitsberufe.
