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Wissenshäppchen: Erkenntnisse aus dem EMA-Seminar „Wieso tut mein Patient nicht, was ich sage?“ – Ernährungskommunikation neu gedacht

 

Warum scheitern Ernährungsempfehlungen so häufig an der Umsetzung – obwohl Patient:innen meist genau wissen, was gesund wäre? Im EMA-Seminar zeigte Ernährungswissenschaftler Frédéric Letzner, dass fehlendes Wissen nur selten das eigentliche Problem ist. Entscheidend ist vielmehr die sogenannte Intentions-Handlungs-Lücke: Zwischen dem Vorsatz, sich gesünder zu ernähren, und dem tatsächlichen Verhalten liegen häufig psychologische Prozesse, die in der klassischen Ernährungsberatung bislang zu wenig berücksichtigt werden.

Warum Wissen allein nicht ausreicht

Gesunde Ernährung wird von vielen Menschen unbewusst mit Verzicht, Disziplin und Einschränkung verbunden. Empfehlungen, Regeln oder Verbote können deshalb Widerstand und Reaktanz auslösen – also den Impuls, sich gerade nicht an Vorgaben zu halten. Hinzu kommt, dass Essverhalten nur begrenzt rational gesteuert wird. Emotionen, Gewohnheiten und unbewusste Prozesse beeinflussen alltägliche Entscheidungen häufig stärker als Ernährungsempfehlungen oder reine Wissensvermittlung.

Ein zentrales Thema des Vortrags war das gezügelte Essverhalten – die kognitive Kontrolle der Nahrungsaufnahme mit dem Ziel, das Körpergewicht zu regulieren. Dauerhafte Kontrolle, strikte Regeln oder die Einteilung von Lebensmitteln in „gesund“ und „ungesund“ können paradoxerweise den inneren Druck erhöhen und problematische Essmuster begünstigen. Demgegenüber stellt die intuitive Ernährung einen Ansatz dar, der Hunger-, Sättigungs- und Appetitsignale wieder stärker berücksichtigt und auf einen selbstbestimmten, genussvollen Umgang mit Lebensmitteln abzielt. Der Referent versteht diesen Ansatz als möglichen Paradigmenwechsel in Prävention und Beratung, betont jedoch zugleich die Notwendigkeit weiterer wissenschaftlicher Einordnung und einer differenzierten Anwendung in der Praxis.

Was bedeutet das für die Beratung?

Für die ernährungsmedizinische Praxis bedeutet dies vor allem einen Perspektivwechsel. Statt ausschließlich Ernährungswissen zu vermitteln, sollten Beratende stärker auf die individuellen Hintergründe des Essverhaltens eingehen. Emotionale Belastungen, Stress, frühere Diäterfahrungen oder verinnerlichte Glaubenssätze liefern häufig wertvollere Ansatzpunkte als die Diskussion einzelner Lebensmittel oder Nährstoffe.

Ebenso wichtig ist die eigene Haltung. Kommunikation, die Schuldgefühle verstärkt oder den Fokus vor allem auf Kontrolle und Gewichtsreduktion legt, kann ungewollt problematische Verhaltensweisen fördern. Eine ressourcenorientierte Beratung, die Selbstwirksamkeit, Genuss und Körperwahrnehmung stärkt, bietet dagegen bessere Voraussetzungen für nachhaltige Veränderungen. Gleichzeitig machte Letzner darauf aufmerksam, dass ernährungspsychologische Inhalte in der Ausbildung vieler Gesundheitsberufe bislang noch unterrepräsentiert sind.

Relevanz für die Praxis

Der Vortrag macht deutlich: Ernährungstherapie ist weit mehr als die Vermittlung evidenzbasierter Ernährungsempfehlungen. Erfolgreiche Beratung erfordert neben ernährungsmedizinischem Fachwissen auch Kenntnisse über Motivation, Emotionen und Verhaltenspsychologie. Wer psychologische Einflussfaktoren berücksichtigt und Kommunikation entsprechend gestaltet, kann Patient:innen nachhaltiger bei Veränderungen unterstützen.

Zum Referenten

Fréderic Letzner ist Ernährungswissenschaftler, Ernährungs-berater (DGE), Gründer der Deutschen Gesellschaft für Ernährungspsychologie e.V. sowie Redner und Autor. In seiner Arbeit verbindet er Ernährungswissenschaft mit psychologischen Ansätzen und beschäftigt sich mit emotionalem Essen, Essverhalten und wirksamer Ernährungskommunikation. Zudem bildet er Ernährungsfachkräfte in diesen Themen weiter und vermittelt praxisnahe Strategien, um psychologische Erkenntnisse erfolgreich in die Ernährungsberatung und -therapie zu integrieren.

Wer tiefer in aktuelle Themen der Ernährungsmedizin einsteigen möchte, findet in der Online-Seminarreihe „Ernährungsmedizin aktuell – Neues aus Forschung und Praxis“ weitere wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Impulse. Die Reihe wird seit 2025 in Kooperation mit der DGEM e. V. durchgeführt und richtet sich an Mediziner:innen, Ernährungsfachkräfte, Studierende sowie weitere Gesundheitsberufe.