Wissenshäppchen: Erkenntnisse aus dem EMA-Seminar „Neue S3-Leitlinie Klinische Ernährung in der Onkologie“
Neue S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ – Ernährung frühzeitig und evidenzbasiert in die Tumortherapie integrieren
Mangelernährung gehört zu den häufigsten Begleiterkrankungen onkologischer Patient:innen und beeinflusst den gesamten Therapieverlauf. Sie erhöht das Risiko für Komplikationen, verringert die Verträglichkeit onkologischer Therapien und geht mit einer reduzierten Lebensqualität sowie ungünstigeren Behandlungsergebnissen einher. Mit der neuen S3-Leitlinie „Klinische Ernährung in der Onkologie“ liegt erstmals eine umfassend aktualisierte Handlungsempfehlung im Leitlinienprogramm Onkologie vor. Im EMA-Seminar stellten Dr. Melanie Ferschke und Dipl. oec. troph. Ingeborg Rötzer die wichtigsten Inhalte der Leitlinie vor und zeigten anhand klinischer Beispiele, wie sich diese Empfehlungen in die tägliche Versorgung integrieren lassen.
Ernährung beginnt nicht mit der Trinknahrung – sondern mit dem Screening
Eine der wichtigsten Neuerungen der Leitlinie ist die konsequente Forderung nach einem strukturierten Ernährungsscreening. Alle Patient:innen mit einer onkologischen Erkrankung sollen möglichst bereits bei Diagnosestellung und anschließend regelmäßig im Therapieverlauf auf ein Risiko für Mangelernährung untersucht werden. Hintergrund ist, dass viele Betroffene bereits vor Beginn der Tumortherapie an Gewicht verloren haben oder im Verlauf durch Therapie-Nebenwirkungen wie Übelkeit, Mukositis oder Dysphagie eine Mangelernährung entwickeln. Da eine Mangelernährung keine reine Blickdiagnose ist, wird sie ohne strukturiertes Screening im Klinik- und Praxisalltag oft übersehen.
Empfohlen wird der Einsatz validierter Screening-Instrumente wie NRS-2002, MUST, MST oder PG-SGA. Ein positives Screening stellt jedoch noch keine Diagnose dar, sondern ist der Ausgangspunkt für ein umfassendes Ernährungsassessment. Erst dieses ermöglicht die individuelle Einschätzung von Gewichtsverlauf, Körperzusammensetzung, Nahrungsaufnahme, funktionellem Status und möglicher Ursachen der Mangelernährung. Die Referentinnen betonten dabei einen zentralen Satz der Leitlinie: Ein Screening ohne anschließendes Assessment und Ernährungstherapie bleibt ohne Nutzen.
Ernährungstherapie stufenweise planen
Die Leitlinie folgt dem Grundsatz: oral vor enteral vor parenteral. Ziel ist es stets, die physiologische orale Ernährung möglichst lange zu erhalten oder zu verbessern. Reicht die normale Kost nicht aus, sollen zunächst Maßnahmen wie Ernährungsberatung, energie- und proteinangereicherte Speisen sowie orale Nahrungssupplemente (Trinknahrung) eingesetzt werden. Für Patient:innen mit einem auffälligen Mangelernährungsscreening empfiehlt die Leitlinie nach einem Ernährungsassessment eine individuelle Ernährungstherapie durch qualifizierte Ernährungsfachkräfte – eine A-Empfehlung und damit die höchste Empfehlungsstufe der Leitlinie. Erst wenn der Nährstoffbedarf auf oralem Weg nicht ausreichend gedeckt werden kann, sollte eine enterale Ernährung erwogen werden; eine parenterale Ernährung ist angezeigt, wenn der Gastrointestinaltrakt nicht oder nicht ausreichend genutzt werden kann. Entscheidend ist dabei nicht ein starres Stufenschema, sondern die individuelle klinische Situation der Patient:innen.
Keine Evidenz für Krebsdiäten
Ein weiterer Schwerpunkt der neuen Leitlinie betrifft spezielle Ernährungsformen. In der Praxis werden Patient:innen häufig mit Empfehlungen zu ketogenen Diäten, Fastenkuren oder sogenannten Krebsdiäten konfrontiert. Die systematische Evidenzbewertung zeigt jedoch, dass für diese Ernährungsformen bislang kein belastbarer Nutzen hinsichtlich Tumorverlauf oder Überleben nachgewiesen werden konnte. Gleichzeitig können restriktive Diäten das Risiko einer Mangelernährung zusätzlich erhöhen.
Die Leitlinie empfiehlt deshalb ausdrücklich, Patient:innen evidenzbasiert zu beraten und vor unnötigen Ernährungseinschränkungen zu schützen. Im Vordergrund steht eine bedarfsdeckende, individuell angepasste Ernährung – nicht die Suche nach einer vermeintlich „krebsheilenden“ Diät.
Umsetzung gelingt nur interprofessionell
Neben den medizinischen Empfehlungen widmete sich das Seminar intensiv der praktischen Implementierung. Anhand verschiedener Kliniken zeigten die Referentinnen, wie Ernährungsscreenings erfolgreich in digitale Patientenakten integriert werden können und welche organisatorischen Voraussetzungen dafür notwendig sind.
Wer das Screening durchführt – Pflege, Aufnahmezentrum oder Ernährungsteam – ist dabei weniger entscheidend als klar definierte Verantwortlichkeiten und funktionierende Behandlungspfade. Nur wenn auffällige Screening-Ergebnisse zuverlässig ein Ernährungsassessment und anschließend eine Ernährungstherapie auslösen, kann die Leitlinie ihre Wirkung entfalten. Ernährung wird damit zu einer genuin interprofessionellen Aufgabe von Ärzt:innen, Pflegekräften und qualifizierten Ernährungsfachkräften.
Relevanz für die Praxis
Die neue S3-Leitlinie macht deutlich, dass Ernährungstherapie keine ergänzende Maßnahme am Rande der Onkologie ist, sondern ein wesentlicher Bestandteil einer qualitätsgesicherten Tumorbehandlung. Besonders hervorzuheben sind die Empfehlungen zum frühzeitigen Screening, zur strukturierten Diagnostik und zur konsequenten, bedarfsorientierten Ernährungstherapie. Gleichzeitig schafft die Leitlinie Orientierung bei kontrovers diskutierten Themen wie Krebsdiäten oder Fasten und stärkt damit eine evidenzbasierte Beratung von Patient:innen.
Zu den Referentinnen:
Dr. Melanie Ferschke und Dipl. oec. troph. Ingeborg Rötzer sind ausgewiesene Expertinnen der klinischen Ernährung in der Onkologie und haben aktiv an der Entwicklung der neuen S3-Leitlinie mitgewirkt. Im EMA-Seminar erläuterten sie die wissenschaftlichen Grundlagen ebenso wie konkrete Strategien für die Umsetzung im klinischen Alltag.
Wer tiefer in aktuelle Themen der Ernährungsmedizin einsteigen möchte, findet in der Online-Seminarreihe „Ernährungsmedizin aktuell – Neues aus Forschung und Praxis“ weitere wissenschaftlich fundierte und praxisnahe Vorträge. Die Reihe wird seit 2025 in Kooperation mit der DGEM e.V. durchgeführt und richtet sich an Mediziner:innen, Studierende, Ernährungsfachkräfte sowie weitere Gesundheitsberufe.
Quelle:
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Klinische Ernährung in der Onkologie, Langversion 1.0, 2026, AWMF-Registernummer: 073 – 006OL, https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/klinische-ernaehrung-in-der-onkologie; Zugriff am 02.07.2026
